Glaube
Wahrhaftiger Glaube besteht vor allem darin, sich im Gemüt einem wahrhaftigen und erfahrenen Menschen anzuvertrauen und das von ihm Gesagte als eine volle Wahrheit annehmen, ohne an einem seiner Worte zu zweifeln, auch wenn man dessen Tiefen nicht auf den ersten Moment klar einsieht. Weil das, was man glaubt, sicher die volle Wahrheit ist, so kann man es auch ins Werk übertragen und das ist dann der werktätige, wundervolle Glaube, dem kein Ding unmöglich ist, was sich in der Sphäre seiner in sich selbst ausgesprochenen Wahrheit befindet.[1] Es läuft auf dasselbe hinaus, ob man sagt Wahres oder Glaube, ist doch der Inhalt des Glaubens etwas Wahres.[2] Dasselbe gilt für Glaube und entschiedenes Denken, denn was der Mensch glaubt, das denkt er auch.[3]
Der lebendige Glaube voll hingebenden Vertrauens ist ein wahres Thermometer der Liebe und zeigt genau die Grade an, wie hoch über dem Gefrierpunkt die Liebe steht.[4] Ist der Glaube ein falscher (=beruht auf einer Lüge), dann kann man noch so ungezweifelt fest glauben, und der Glaube wird keine Wirkung haben, weil er keinen festen Grund hat, auf dem sich ein Haus bauen ließe.[5] Im geistigen Sinn ist der Glaube das Licht.[6]
Inhaltsverzeichnis |
Wesen
Der Glaube ist eine Neigung zum Wahren, die aus der himmlischen, vom Herrn stammenden Liebe hervorgeht.[7] Das Aufnahmegefäß des Glaubens ist der (geistige) Verstand,[8] jedoch nicht im Sinne von dem bloßen Für-wahr-halten eines Wahren oder des Wort Gottes (siehe Scheinglaube weiter unten), sondern vielmehr, das Wahre aus himmlischer Liebe lieben und aus innerer Neigung wollen und tun.[9] Glaube betrifft alles, was zur Lehre gehört und besteht im gerechten und aufrichtigen Denken. Glaube und tätige Liebe verbinden sich wie die Lehre und ihr Leben, bzw. wie Gedanke und Wille. Der Glaube wird zur tätigen Liebe, wenn der Mensch das, was er in redlicher und aufrichtiger Weise denkt, auch tatsächlich will und tut; dann sind Glaube und tätige Liebe beide nicht mehr zwei, sondern eins. Wenn der Mensch liebt, was er glaubt, so will er es auch und führt es soweit als möglich aus.[10]
Leben geht aus Wärme (Liebe) hervor, denn mit deren Entfernung schwindet es auch. Das gilt auch für den Glauben ohne Liebe.[11] Das Leben des Glaubens ist die Liebe.[12] Ein Glaube ist lebendig durch die Werke der Liebe; ansonsten ist der Glaube tot (=so gut wie kein Glaube).[13] Ein von der Liebe getrennter Glaube ist überhaupt kein Glaube, sondern nur ein Wissen, das keinerlei geistiges Leben in sich birgt und bei einigen nur eine Selbsttäuschung, die sich fälschlich als Glaube gebärdet.[14] Der Glaube allein bewirkt das ewige Leben nicht.[15]
Ohne den wahren und lebendigen Glauben an einen einigen und ewig wahrhaftigen Gott kann kein Mensch zur Lebensmeisterschaft gelangen. Solange man nicht glaubt, daß es einen allein wahren Gott gibt, solange kann man auch keine Liebe zu Ihm im Herzen wachrufen. Ohne solche Liebe aber ist es unmöglich, sich Gott zu nähern und endlich nahe völlig eins zu werden mit Ihm.[16]
Der wahrhaftige Glaube an Jesus besteht nicht darin, mit Ihm herumzuziehen, Seine Worte zu hören und Seine Zeichen zu bewundern. Nur der ist wahrhaft bei Ihm, den eine innere, ganz reine Liebe zu Ihm zieht, und der ohne alles Bedenken das vollauf glaubt, was Er lehrt, und daß Er als ein zweitweiliger Menschensohn vom Vater ausgegangen und im Geiste eins ist mit Ihm.[17]
Wer nicht glaubt in der reinen Liebe seines Herzens (d.h. wer auf Vorteile und Nutzen durch den Glauben an Gott spekuliert), dessen Glaube hat vor Gott keinen Wert. So jemand soll besser erst gar nicht zu Gott rufen, denn Er hört und sieht ihn nicht an und alle Himmel werden vor ihm verschlossen bleiben so lange, bis der letzte eigennützige Tropfen in was immer für einer Hinsicht aus seinem Herzen verschwunden ist.[18]
Glauben und Wissen
Sobald ein Glaube auf Beweisen beruht, dann ist es keine Glaube mehr, sondern ein Wissen. Ein auf Beweise gegründetes Wissen ist kein freies Wissen (Glaube) mehr, sondern ein gerichtetes, das keinen Geist frei macht, sondern ihn ebenso oft gefangen nimmt, als wie viele Beweise für einen Glaubenssatz gegeben werden. Nur jener Glaube, der gleich einem freien Gehorsam des Herzens nicht nach "warum", "wie", "wann" und "wodurch" fragt, ist ein rechter Glaube und macht den Geist frei. Ein solcher Glaube ist die freie, unbedingte Aufnahme dessen, was einem von einem Boten der Himmel kundgetan wurde, dessen Autorität niemand als allein die Liebe des Herzens zu prüfen hat. Wer Liebe zum Boten fühlt, der nehme ihn auf, wer keine fühlt, der laß ihn gehen. Auch der (echte) Bote hat die gleiche Anweisung von Gott, nämlich nur dort zu bleiben, wo man ihn aufnimmt Mt 10.11-14. Die Verkündung ist frei und die Annahme ist frei. Wollte Gott Seine Menschen durch unumstößliche Beweise lehren, wäre Ihm das überaus leicht. Der Herr will aber keine unfreien, sondern ganz freie Menschen, weswegen auch ihr Herz frei sein muß. (nach Petrus)[19]
Entwicklung des Glaubens
Wenn Gott durch Seine Barmherzigkeit dem Menschen ein Lebenslichtlein im Herzen anzündet, dann fängt der Mensch an, die Nichtigkeit seines Verstandeswissens einzusehen.[20] Wenn der Verstand zur richtigen Einsicht gebracht worden ist, bleibt die Seele frei und nimmt sich aus dem Licht des Verstandes stets nur soviel, als sie verdauen kann. So entwickelt sich dann aus einem recht gebildeten Verstand ein wahrer, voller, lebendiger Glaube, durch den der Geist in der Seele eine gerechte Nahrung überkommt und dadurch stets stärker und mächtiger wird. Dies läßt sich an der zunehmenden Liebe zu Gott und zum Nächsten feststellen.[21] Herz (Gemüt) und Verstand müssen gleichermaßen entwickelt werden. Da es dem Menschen aber viel leichter ist, sich Wissen zu irgendeiner Sache zu verschaffen, als sein Gemüt zu einem festen und zweifellosen Glauben zu bewegen, darum ist auf die Gründung des lebendigen Glaubens ein viel größeres Augenmerk zu haben, als auf pures Wissen. Im Wissen allein ist das Leben nicht, sondern im reinen und durch die Werke der Liebe lebendigen Glauben.[22]
Indem man anfängt, daran zu denken, daß es einen Gott gibt, der alles erschaffen hat, erhält und leitet - z.B. die Himmelskörper und die Geschöpfe - dann wird man auch bald einsehen, daß alles gut und zweckmäßig eingerichtet ist. Aus der weisen Einrichtung läßt sich schließen, daß der Schöpfer höchst gut sein müsse. Wenn man oft so denkt und urteilt, fängt man den Schöpfer zunehmend zu lieben an und diese Liebe zu Gott ist dann der jenseitige Geist des Menschen, von dessen Licht die Seele durchdrungen und von dessen Lebenswärme sie belebt wird. Das kann leicht jeder Mensch mit und in sich bewerkstelligen, indem er seine Sinnesorgane, den Verstand, die Vernunft und einen freien Willen hat, durch den er tätig werden und seine Liebe ordnen kann.[23]
Wenn ein Mensch über die Natur nachdenkt, wird ihm eine innere Stimme sagen, daß alles das nicht irgend von und aus sich selbst hat entstehen können, sondern daß ein höchst weiser, liebevollster und allmächtiger Schöpfer dagewesen sein muß, der alles geschaffen und geordnet hat (kein Gesetz ohne Gesetzgeber, keine Ordnung ohne Ordner), und es auch heute noch erhält und immer weiter vervollkommnet.[24]
Vielfalt
Wenn man die Liebe zum Herrn und die tätige Nächstenliebe zur Hauptsache des Glaubens machte, so wären die verschiedenen Lehren lediglich Meinungsverschiedenheiten des Glaubens, welche die wahren Christen dem Gewissen eines jeden überließen, wobei sie in ihrem Herzen sprächen, ein wahrer Christ ist, wer als Christ lebt oder wie der Herr lehrt.[25]
Zweifel und Trockenheit
siehe Zweifel
Leichtglaube
siehe Leichtglaube
Blindglaube
siehe Blindglaube
Durch Sichtbarkeit Gottes genötigter Glaube
Man kann nicht umhin, an den Sichtbaren zu glauben und den Tastbaren zu lieben, da man durch Seine allmächtige Gegenwart getrieben ist und unwiderstehlich zu Ihm hingezogen wird. (nach Henoch)[26] Der durch die sichtbare Gegenwart Gottes genötigte Glaube und die genötigte Liebe sind nicht im geringsten ein Eigentum und gereichen somit nicht zum Leben, sondern sind ein Gericht. Um von diesem Gericht frei zu werden, bedarf es der wahren, großen Demut des Herzens. Diese besteht darin, sich dieser Gnade für höchst unwürdig zu halten. Dann werden der genötigte Glaube und die genötigte Liebe erst nützlich. (nach Henoch)[27]
Erst wenn jemand frei zu Gott kommt, nachdem er Ihn im seinem Herzen gesucht hat und so gefestet und stark geworden ist, kann er zur ewigen Anschauung Gottes Unendlichkeit und des ewigen Gottes unendlicher Liebe und Gnade gelangen. Gottes sehr oftmalige Sichtbarkeit wird ihm nicht schädlich.[28][29]
Zwangsglaube, Überredungsglaube und Autoritätsglaube
Der pure Autoritätsglaube ist kein inneres Licht der Seele und belebt sie nicht freudig zur Tat. Er muß daher stets mit reichlichen Erklärungen ergänzt werden.[30]
Ist der Verstand unterentwickelt, und der Mensch hat nur einen auf Gehorsam des Herzens und Willens gründenden Glauben, dann muß er mit aller Vorsicht behandelt werden, damit er nicht in einem Wahn erstarrt und auf Abwege gerät. Nie sollte ein Blinder einen anderen Blinden führen, sondern ein im rechten Verstand Scharfsehender.[31]
Jede äußerlichen Kirche oder Sekte beruht auf Zwangs- und Überredungsglauben. Jesus aber hat nie jemanden zum Glauben genötigt, Er ließ es jedem frei. Wem Jesu Werke und seine eigene innere Überzeugung nicht genügten, war durch kein anderes Mittel gezwungen, denn die Lehre Jesu ist nicht für den Glauben, sondern für die Tat gegeben. Wer nach Seinem Wort handelt, der wird erfahren, ob Seine Lehre von Gott oder von Menschen ist, nicht wer Ihm nur glaubt.[32] Ein gezwungen gläubiger Mensch ist zehnmal schlechter als ein offen Ungläubiger und Abtrünniger.[33]
Scheinglaube, bloßer Verstandesglaube
siehe Scheinglaube
Mysterienglaube
siehe Mysterienglaube
Jenseits
Die das Göttlich-Wahre und das Wort aus einer inneren Neigung oder aus einer Neigung zur Wahrheit selbst geliebt haben, wohnen im anderen Leben auf Bergen im Licht des Himmels. Sie wissen gar nicht, was Finsternis ist und leben in einem frühlingshaften Klima. Ihren Blicken stellen sich gleichsam Äcker, Felder und Weinberge dar. In ihren Häusern blitzt alles wie von Edelsteinen, die Fenster sind von reinem Kristall. Diese visuellen Freuden sind aufgrund der Entsprechung mit dem Himmlisch-Göttlichen zugleich auch innere Freuden, denn die von ihnen geliebten Wahrheiten aus dem Wort entsprechen den Ernten, Weinbergen, Edelsteinen und Kristallen.[34]
Jene, die aus dem Wort geschöpfte Lehren der Kirche sofort ins Leben umgesetzt hatten, befinden sich im innersten Himmel und besonders in den Freuden der Weisheit. Sie erblicken in den einzelnen Dingen Göttliches, d.h. sie sehen zwar die Gegenstände, doch das diesen entsprechende Göttliche fließt sogleich in ihre Gemüter ein und erfüllt sie mit einer Seligkeit, die alle ihre Empfindungen anregt. So kommt es, dass vor ihren Augen alles gleichsam lacht, spielt und lebt.[35]
Die alles auf des Göttliche zurückführten und die Natur (materielle Welt) nur als etwas Totes betrachteten, die befindet sich im himmlischen Licht und ihnen wird alles, was ihren Augen erscheinen, von diesem Licht her transparent und sie erblicken unzählige Wechselspiele des Lichts, worin sie ihre innere Freude finden. Die Durchsichtigkeit entspricht dem vom Herrn erleuchteten Verstand.[36]
Erlösung durch den Glauben allein
Das Dogma, der Glaube sei das einzige Mittel zum Heil, kann keinerlei Licht aus dem Himmel aufnehmen und stellt die Krone aller übrigen Falschheiten dar und ist die Quelle aller Unwissenheit, die in der Kirche heutzutage herrscht: die Unkenntnis über den Herrn, den Himmel das Leben nach dem Tod, die himmlische Freude, das Wesen der Liebe und Nächstenliebe und ganz allgemein die Unwissenheit über das Gute und dessen Verbindung mit dem Wahren. Folglich herrscht auch über das Leben des Menschen, dessen Ursprung und Beschaffenheit Unklarheit, da ja kein Mensch das Leben jemals aus dem Denken, sondern immer nur aus dem Willen und den daraus bewirkten Taten erlangen kann, und aus dem Denken nur insofern, als es aus dem Willen abgeleitet ist. Das Leben rührt nur insoweit vom Glauben her, als der Glaube seinerseits der Liebe entspringt. Wer an die Erlösung durch bloßen Glauben glaubt, der kann auch nicht anders, als an eine unmittelbare Barmherzigkeit, durch die man in den Himmel komme glauben, ein weiterer Irrtum. Im natürlichen Licht, wie auch aus anschaulicher Erfahrung erkennt er nämlich, daß ein von der Liebe getrennter Glaube nicht das Leben des Menschen ausmacht, weil ja auch jene, die ein böses Leben führen, Ähnliches denken und sich einreden können. Die Folge davon ist die Anschauung, die Bösen könnten ebenso gerettet werden wie die Guten, wenn sie nur in ihrer Todesstunde zuversichtlich von der Vermittlung und der dadurch zu erlangenden Barmherzigkeit reden. In Wirklichkeit aber ist es gleichgültig, mit welcher Zuversicht oder Vertrauen so jemand in der Welt auch geredet hat.[37]
Siehe auch
Quellenverweise
- ↑ Jakob Lorber, Das Großes Evangelium Johannes 5.174.9; Jakob Lorber, Das Großes Evangelium Johannes 5.213.3; Jakob Lorber, Bischof Martin 162.3
- ↑ Emanuel Swedenborg, Himmel und Hölle 232
- ↑ Emanuel Swedenborg, Himmel und Hölle 473
- ↑ Jakob Lorber, Heilung und Gesundheitspflege 410429.6
- ↑ Jakob Lorber, Das Großes Evangelium Johannes 5.177.3
- ↑ Emanuel Swedenborg, Himmel und Hölle 118
- ↑ Emanuel Swedenborg, Himmel und Hölle 480
- ↑ Jakob Lorber, HH 173; Emanuel Swedenborg, Himmel und Hölle 368
- ↑ Emanuel Swedenborg, Himmel und Hölle 482
- ↑ Emanuel Swedenborg, Himmel und Hölle 364; Emanuel Swedenborg, Himmel und Hölle 473
- ↑ Emanuel Swedenborg, Himmel und Hölle 136
- ↑ Jakob Lorber, Robert Blum 1.81.26
- ↑ Jakob Lorber, Das Großes Evangelium Johannes 1.10.17
- ↑ Emanuel Swedenborg, Himmel und Hölle 474; Emanuel Swedenborg, Himmel und Hölle 526
- ↑ Jakob Lorber, Die geistige Sonne 1.21.16
- ↑ Jakob Lorber, Das Großes Evangelium Johannes 6.88.1
- ↑ Jakob Lorber, Das Großes Evangelium Johannes 6.46.4
- ↑ Jakob Lorber, Die Haushaltung Gottes 1.134.16-17
- ↑ Jakob Lorber, Bischof Martin 162.4-9
- ↑ Jakob Lorber, Das Großes Evangelium Johannes 1.157.15; Jakob Lorber, Das Großes Evangelium Johannes 6.231.13
- ↑ Jakob Lorber, Das Großes Evangelium Johannes 1.155.9-10
- ↑ Jakob Lorber, Das Großes Evangelium Johannes 9.132.10-12
- ↑ Jakob Lorber, Das Großes Evangelium Johannes 6.111.8-9
- ↑ Jakob Lorber, Das Großes Evangelium Johannes 6.111.10-11
- ↑ Emanuel Swedenborg, Himmlische Geheimnisse 1799
- ↑ Jakob Lorber, Die Haushaltung Gottes 2.241.4
- ↑ Jakob Lorber, Die Haushaltung Gottes 2.241.13-18
- ↑ Jakob Lorber, Die Haushaltung Gottes 1.142.15-17
- ↑ Jakob Lorber, Die Haushaltung Gottes 1.185.42-44
- ↑ Jakob Lorber, Das Großes Evangelium Johannes 8.27.12-13
- ↑ Jakob Lorber, Das Großes Evangelium Johannes 1.155.11-12
- ↑ Jakob Lorber, Schrifttexterklärungen 33.14-15
- ↑ Jakob Lorber, Das Großes Evangelium Johannes 6.150.21
- ↑ Emanuel Swedenborg, Himmel und Hölle 489
- ↑ Emanuel Swedenborg, Himmel und Hölle 489
- ↑ Emanuel Swedenborg, Himmel und Hölle 489
- ↑ Emanuel Swedenborg, Himmel und Hölle 526