Nächstenliebe

Aus Prophetia
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Der gute Samariter (Vincent van Gogh)
Die eigentliche Nächstenliebe besteht darin, daß man jedem Wesen seine Freiheit läßt und ihm das Seinige gibt[1] und man seinen Mitmenschen ohne Ausnahme ihres Standes oder Glaubens, alles das tut, was man vernünftigerweise sich selbst im Notfall tun möchte. Wer so handelt, erfüllt damit das ganze Gesetz und die Lehre der Propheten und alle Sünden sind ihm vergeben.[2] Das Wahre zu lieben bedeutet, den Nächsten zu lieben.[3]

Der ewig wahre Grundsatz der Nächstenliebe lautet: "Was du vernünftigermaßen nicht willst, daß man es dir täte, das tue auch deinen Mitmenschen nicht!"[4]

Inhaltsverzeichnis

Wesen

Liebe zum Herrn und Liebe zum Nächsten herrschen in den Himmeln, ja sind die Himmel.[5] Die Gottesliebe und die Nächstenliebe sind die himmlischen Arten der Liebe. Sie stammen vom Herrn und Er ist Selbst in ihnen. Sie öffnen die innerlichen Bereiche gegen den Herrn hin, wodurch Weisheit erlangt wird, denn die Liebe ist eine geistige Verbindung, weswegen sie auch alle ihre Schätze mitteilt.[6]

Die Liebe zu Gott ist ohne die Liebe zum Nächsten ewig nicht denkbar und auch nicht möglich. Darum soll man seine Nächsten lieben, weil sie gleich einem selbst Kinder Gottes sind, und dadurch wird man auch Gott über alles lieben.[7] Niemand kann Gott lieben in seinem finsteren Fleisch, wenn er seinen Bruder haßt; wie könnte jemand Gott lieben, den er nicht sieht, so er seinen Bruder nicht liebt, den er sieht?[8]

Wer wie ein Engel sein will, muß den Nächsten sogar mehr lieben als sich selbst, denn in den Himmeln besteht die Freude darin, daß man anderen Gutes tue, nicht aber sich selbst, es sei denn auf eine Weise, daß sie anderen zugute kommt, also letztlich ihnen zuliebe. Diese Art Liebe kann man auf Erden an der ehelichen Liebe einiger Menschen erkennen, die lieber sterben als dem Gatten ein Leid geschehen lassen wollen, oder an der Elternliebe, wodurch z.B. eine Mutter lieber selbst Hunger leidet, als ihr Kind hungern zu sehen, oder an der aufrichtigen Freundschaft, bei der man sich für die Freunde in Gefahr begibt, sogar bei der geheuchelten Freundschaft wird so getan, wenn auch nur dem Mund nach und nicht mit dem Herzen. Auch an der Natur der Liebe ist solche Nächstenliebe zu erkennen, da sie ihre Freude darin setzt, anderen zu dienen, nicht nur ihrer selbst, sondern um des anderen willen.[9]

Die Menschen sind Ebenbilder Gottes, und das ist auch der Grund, darum ein Mensch den Mitmenschen zu lieben und zu achten hat.[10]

Die Nächstenliebe will alles mit anderen teilen, denn das ist ihre Freude.[11] Die Liebe zu sich selbst ist das Gegenteil der Liebe zum Nächsten, [12] ebenso die Weltliebe (Materialismus).[13]

Gerecht oder ungerecht

Die Nächstenliebe ist nur insoweit eine solche, bzw. gut, wie Unschuld darin wohnt.[14] Die Nächstenliebe ist gerecht oder ungerecht, je nachdem sie dem Maß der göttlichen Ordnung entspricht oder nicht. Wer den Nächsten über dieses Maß hinaus liebt, der treibt mit ihm eine Abgötterei und macht ihn dadurch nicht besser, sondern schlechter.[15] Ehre, Demut, Lob, Dank, Liebe und Anbetung gebührt von den Menschen aus nur Gott allein; die Menschen gegenseitig sind lauter Brüder und sollen sich deswegen gegenseitig nicht mehr oder weniger lieben, als jeder sich selbst liebt. Wo immer davon abgewichen wird, da wird die göttliche Ordnung gebogen oder gar gebrochen und der Same gelegt, aus dem alles Unheil über die ganze Erde erwächst. Keine Sünde wird schon auf der Erde so blutig gezüchtigt. (nach Kisehel)[16]

Beispiele für ungerechte Nächstenliebe:

Fleischlich oder Himmlisch

Wenn die Nächstenliebe beim Menschen selbst ihren Anfang nimmt, steht sie im Gegensatz zu der, die vom Herrn ausgeht und stammt aus dem Bösen, nämlich aus dem Eigenen des Menschen, die andere hingegen aus dem Guten, nämlich vom Herrn, der das Gute Selbst ist. Die vom Menschen und seinem Eigenen ausgehende Nächstenliebe ist fleischlicher Natur, die vom Herrn ausgehende dagegen himmlischer Natur.[21]

Fleischliche Nächstenliebe

Der sich liebt, der liebt auch die, die ihm nahe stehen, insbesondere seine Kinder und Verwandten, im weiteren Sinne alle, die eins mit ihm ausmachen und die er "seine Leute" nennt. Die einen wie die anderen zu lieben bedeutet auch, sich selbst zu lieben, erblickt er sie doch gleichsam in sich und sich in ihnen. Zu denen, die er "seine Leute" nennt, gehören auch alle, die ihn loben, ehren und verehren.[22] In einem eigensüchtigen Menschen beginnt die Liebe zum Nächsten bei ihm selbst, erklärt er doch, jeder sei sich selbst der Nächste. Von ihm aus als dem Mittelpunkt erstreckt sich seine Liebe auf alle, die mit ihm übereinstimmen, und nimmt ab, je weniger eng sie in Verbindung zu seiner Selbstliebe stehen. Wer nicht zu diesem Kreis gehört, interessiert ihn nicht; wer gegen ihn und sein Böses auftritt, gilt ihm als Feind, sei er noch so weise, anständig, aufrichtig und gerecht.[23]

Himmlische Nächstenliebe

Die geistige Nächstenliebe nimmt ihren Anfang beim Herrn; von Ihm aus als dem Mittelpunkt breitet sie sich über alle aus, die mit dem Herrn durch Liebe und Glauben verbunden sind. Diese Ausbreitung richtet sich nach der Beschaffenheit ihres Glaubens und ihrer Liebe.[24]

Wirkung

Der Mensch erkennt den Menschen fortwährend durch die Nächstenliebe. Wem diese fremd ist, dem bleibt auch sein Bruder fremd.[25]

Einsicht, Weisheit, Glaube

Wer in der Liebe zum Herrn steht und sich liebevoll um den Nächsten kümmert, hat schon im irdischen Leben Engelseinsicht und -weisheit in und um sich, jedoch verborgen im Innersten seine inwendigen Gedächtnisses. Diese Einsicht und Weisheit kann ihm jedoch nie erscheinen, bevor er das Körperliche ablegt. Dann erst wird das natürliche Gedächtnis eingeschläfert und das inwendige erweckt und nach und nach zu dem eigentlich engelmäßigen Gedächtnis.[26]

Das Licht des Wahren aus der tätigen Nächstenliebe ist Einsicht, auch Glaube genannt.[27]

Gemeinschaft Gottes und der Engel

Ein Leben tätiger Nächstenliebe führt zum Himmel - das heißt, daß man bei jeder Arbeit und Verrichtung gerecht und redlich handelt.[28]

Wer von Herzen ein Freund der Armen sein wird, dem wird auch Gott ein Freund und ein wahrer Bruder sein zeitlich und ewig. Er wird nicht nötig haben, die innere Weisheit von anderen Weisen zu erlernen, sondern Gott wird sie ihm geben in aller Fülle in sein Herz. Wer seinen armen Nächsten lieben wird wie sich selbst, und ihn nicht abweist, welchen Stammes und welchen Alters er oder sie auch sei, zu dem wird Gott allzeit Selbst kommen und Sich seinem Geist, der die Liebe ist, getreu offenbaren. Was so jemand dann reden oder schreiben wird, das wird von Gott geredet und geschrieben sein für alle Zeit.[29]

Nichts wird von Gott und allen Engeln mit größerer Liebe und Segnung angesehen als die Nächstenliebe. Diese aber kann nur dann zu walten anfangen, wenn die Menschen sich in aller Wahrheit und im hellsten Licht aus Gott entgegenkommen. Denn die reine Wahrheit befriedigt das Herz und macht es sanft und demütig und dadurch gegen jedermann freundlich und liebdienstlich beflissen, weich und barmherzig.[30] Der geringste Dienst der Nächstenliebe wird auf das ungeheuerste, unaussprechlichste belohnt werden.[31]

Allgemeiner Wohlstand

Wenn alle voll Liebe gegeneinander sind, d.h. einer wie alle und alle wie einer, dann wird jeder den Segen aus der heiligen Sorge des heiligen Vaters in Fülle haben. (d.h. wenn die Menschen für das Wohl ihrer Mitmenschen sorgen, und nicht für sich selbst, dann sorgt Gott für sie, was viel besser ist, als wenn die Menschen für sich selbst sorgen). Im Gegenteil jedoch wird jeder ein sehr hartes Stück Brot im Schweiße seine Angesichts unter Dornen und Disteln suchen müssen.[32]

Praktizierte Nächstenliebe

Es ist bei weitem nicht genug, zu behaupten, man liebe seine Nächsten und sei ihnen sehr freundlich. Die wahre und vor Gott allein gültige Liebe muß in Werken bestehen, wenn die Nächsten derselben bedürfen, geistig oder leiblich. Diese Liebe ist der wunderbare Schlüssel zum Licht aus Gott im eigenen Herzen.[33]

Die Nächstenliebe hängt nicht davon ab, ob man die materiellen Mittel für wohltätige Gaben besitzt, was bei der überwiegenden Mehrheit der Menschen nicht oder nur unzureichend der Fall ist. Es gibt viele, die den besten Willen haben, etwas Gutes zu tun, aber denen die Mittel und äußeren Kräfte und Geschicklichkeiten fehlen. In solchen Fällen gilt der gute Wille soviel wie die Tat selbst. Praktiziert wird die Nächstenliebe durch allerlei gute Taten und ehrliche und redliche Dienste, bei denen es am guten Willen nicht fehlen darf. Der gute Wille ist die Seele und das Leben eines guten Werkes; ohne ihn hätte auch das beste Werk gar keinen Wert vor Gott. Wer nicht die materiellen Mittel oder Fertigkeiten hat, seinem Nächsten zu helfen, obwohl er es gern würde, wenn er nur könnte, dessen bloßer guter Wille gilt vor Gott viel mehr als das Werk eines anderen, der erst dazu verlockt werden mußte.[34]

Bei der Nächstenliebe kommt es nicht auf reich oder arm an, sondern nur auf einen wahrhaft lebendig guten Willen, demnach ein jeder mit aller Hingebung gerne tut, was er nur kann.[35]

Es ist besser, wenn man aus Liebe zu seinen Brüdern der Ärmste unter ihnen ist als der reichste; weil wenn man mit ihnen seine Gaben geteilt hat, und einem ein Teil geblieben ist, dann hat man noch für sich selbst gesorgt, ohne auf die Sorge seines Vaters im Himmel zu achten. Hat man aber aus wahrer brüderlicher Nächstenliebe alles seinen Brüdern gegeben und nichts für sich behalten, dann hat man sich ganz frei gemacht und alle Sorge für sich dem Vater im Himmel überlassen. Dieser mächtige, übergute und heilige Vater wird ein solches Kind nicht darben lassen, sondern es soll für eins hundert und hundertmal hundert für zehn und unendlich haben für alles.[36]

siehe Wohltätigkeit

Mangel an Nächstenliebe

Die Seele des Hartherzigen wird von argen Geistern ergriffen. Diese werden sie verderben und einer Tierseele gleichmachen, als die sie dann auch jenseits offenbar werden wird.[37]

Man soll gerne und reichlich geben, denn wie man austeilt, so wird einem wieder zurückerteilt werden. Der Hartherzige wird vom Gnadenlicht Gottes nicht durchbrochen werden und in ihm wird die Finsternis und der Tod mit all seinen Schrecken wohnen.[38]

Siehe auch

Quellenverweise

  1. Jakob Lorber, Die geistige Sonne 2.105.6
  2. Jakob Lorber, Das Großes Evangelium Johannes 3.215.4; Jakob Lorber, Das Großes Evangelium Johannes 8.63.13; Jakob Lorber, Das Großes Evangelium Johannes 8.166.20; Jakob Lorber, Das Großes Evangelium Johannes 7.59.4
  3. Emanuel Swedenborg, Himmel und Hölle 278
  4. Jakob Lorber, Die drei Tage im Tempel 22.7
  5. Emanuel Swedenborg, Himmel und Hölle 554
  6. Emanuel Swedenborg, Himmel und Hölle 272
  7. Jakob Lorber, Das Großes Evangelium Johannes 10.140.4
  8. Jakob Lorber, Das Großes Evangelium Johannes 3.207.13; Jakob Lorber, Bischof Martin 21.21
  9. Emanuel Swedenborg, Himmel und Hölle 406
  10. Jakob Lorber, Das Großes Evangelium Johannes 5.272.16
  11. Emanuel Swedenborg, Himmel und Hölle 400
  12. Emanuel Swedenborg, Himmel und Hölle 558a
  13. Emanuel Swedenborg, Himmel und Hölle 596
  14. Emanuel Swedenborg, Himmel und Hölle 281
  15. Jakob Lorber, Die geistige Sonne 2.103.4
  16. Jakob Lorber, Die Haushaltung Gottes 2.201.11-14
  17. Jakob Lorber, Die geistige Sonne 2.103.5-7; Jakob Lorber, Die Haushaltung Gottes 2.201.5-9
  18. Jakob Lorber, Die geistige Sonne 2.103.16-18
  19. Jakob Lorber, Die geistige Sonne 2.103.19
  20. Jakob Lorber, Die geistige Sonne 2.103.20
  21. Emanuel Swedenborg, Himmel und Hölle 558a
  22. Emanuel Swedenborg, Himmel und Hölle 556
  23. Emanuel Swedenborg, Himmel und Hölle 558a
  24. Emanuel Swedenborg, Himmel und Hölle 558a
  25. Jakob Lorber, Die Haushaltung Gottes 2.133.18
  26. Emanuel Swedenborg, Himmel und Hölle 467
  27. Emanuel Swedenborg, Himmel und Hölle 148
  28. Emanuel Swedenborg, Himmel und Hölle 360
  29. Jakob Lorber, Das Großes Evangelium Johannes 4.79.5; Jakob Lorber, Das Großes Evangelium Johannes 4.79.8
  30. Jakob Lorber, Das Großes Evangelium Johannes 8.146.4
  31. Jakob Lorber, Die Haushaltung Gottes 1.3.1
  32. Jakob Lorber, Die Haushaltung Gottes 1.154.7-9
  33. Jakob Lorber, Das Großes Evangelium Johannes 3.207.14
  34. Jakob Lorber, Das Großes Evangelium Johannes 4.81.4-6; Jakob Lorber, Das Großes Evangelium Johannes 3.171.8-12
  35. Jakob Lorber, Das Großes Evangelium Johannes 4.81.8
  36. Jakob Lorber, Die Haushaltung Gottes 1.154.5-6
  37. Jakob Lorber, Das Großes Evangelium Johannes 4.79.6
  38. Jakob Lorber, Das Großes Evangelium Johannes 4.79.7
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