Vision
Nur jene Visionen sind gerecht, die ein (zumindest einigermaßen) geistig Wiedergeborener hat. Alle anderen können nur zur Gerechtigkeit gelangen, wenn sie von einem wiedergeborenen Geist erleuchtet werden. Ansonsten ist von allen anderen Visionen, Träumen und anderen Wahrsagungsmitteln nichts zu halten, weil sie lediglich von dem argen Gesindel (böse Geister) herrühren, das bei zahllosen Gelegenheiten das menschliche Fleisch bekriecht und durch dieses die leichtgläubige Seele verschmutzt.[1]
Inhaltsverzeichnis |
Arten
Seelische Visionen
Nächtliche Träume sind die gewöhnlichste und bekannteste Art von Visionen.[2] Was die Seele im Traum schaut, das ist alles ihrer Art. Ist die Seele im Wahren und Guten aus dem, was der Herr zu glauben und zu tun lehrt, so sieht sie auch im Traum Wahres und kann sich daraus Gutes fürs Leben schaffen. Ist die Seele aber im Falschen und daraus im Bösen, so wird sie im Traum Falsches sehen und daraus Böses bilden.[3]
Träume entsprechen dem (geistigen) Wert des träumenden Mensch, daher herrscht ein gewaltiger Unterschied zwischen den Träumen von Menschen, die sich in der Gnade und Liebe des Herrn befinden und soviel als möglich nach Seinem Wort tun aus Liebe zu Ihm, und den nichtigen Träumen von Weltmenschen.[4] Was ein Weltmensch träumt, das ist eitel nichts als verworrene Anschauung der nichtigsten Welteindrücke, welche die Seele des nach außen gekehrten Menschen am Tag in sich aufgenommen hat und im Schlaf wieder beschaut.[5] Im gewöhnlichen Schlaf träumt bloß die Seele, und dieses Träumen ist nur ein wirres Schauen der Seele in ihre eigenen Verhältnisse, vergleichbar den Bildern eines Kaleidoskop, die sich mit jeder Bewegung verändern.[6] Dieses zusammenhanglose Schauen kommt daher, weil sich die Seele nicht in Verbindung mit der Außenwelt und ihrem Geist befindet.[7]
Träume eines im Wort Gottes und um die Liebe Gottes beflissenen Menschen, der sich schon zum größten Teil nach innen gekehrt hat, sind keine Anschauungen mehr, sondern Wahrnehmungen der inneren geistigen Zustände, die weit entfernt sind von phantastischer Seelentäuschung.[8] Ob die Seele das auch faßt, was sie im Traum schaut, das ist freilich eine ganz andere Sache, gleichwie man auch nicht alles begreift, was man in der Außenwelt beschaut. Erst durch die geistige Wiedergeburt kann man alles fassen und begreifen und vollends einsehen.[9]
Eine Seele, die durch ihre guten Werke nach dem Willen Gottes den Himmel in sich hat, die kann in sich auch am hellen Tag den Himmel gewahren, und von Zeit zu Zeit in nächtlichen hellen Träumen in sich erschauen. Dem Menschen sind Traumgesichte (Visionen) gegeben, damit er durch sie in einem Verkehr mit der Welt der Geister minderer oder höherer Art während seines diesirdischen Lebens verbleiben kann, je nachdem die Seele in sich mehr oder weniger des wahren Himmels durch ihre guten Werke nach dem Willen Gottes erbaut und eigentlich erschaffen hat.[10]
Die Seele trägt als eine Welt im Kleinen alles in sich, was die Erde im großen Maß in und über sich enthält und faßt. Wenn die körperlichen Sinne im Schlaf wie tot und untätig ruhen, dann beschaut die Seele, die nicht schlafen und tot werden kann, die materiellen Gebilde in sich, belebt sie auf Momente und erheitert sich, so sie auf etwas Schönes und Angenehmes geraten ist. Ist sie aber auf etwas Arges und Unschönes geraten, da wird sie auch im Traum ängstlich und müht sich ab, der sie bedrängenden Erscheinung durch den vollen Rücktritt in ihren Leib los zu werden.[11]
Solche Visionen haben für die Seele nur den Nutzen, daß sie sich nach einem solchen Traum erinnern soll, wie es mit ihr in einem absoluten Zustand steht. (Anm.: Eine Art Peilung.)[12] Indem man die Träume zusammenfaßt oder aufschreibt, erhält man ein gutes Porträt seiner selbst; es zeigt, wie die Seele in sich selbst ist, ihre hauptsächlichen Begierden, und ihr gesamter Zustand, welcher auch ihre Beschaffenheit sein wird, wenn sie sich völlig außer dem Fleisch befindet.[13]
Diese Träume werden weder von höllischen, noch weniger von himmlischen Geistern in der Seele hervorgerufen, sondern sie sind ganz eigene Produkte der Seele, an die sie sich bald mehr, bald weniger, bald gar nicht erinnert, was bei einem noch ganz natürlichen Menschen hauptsächlich davon abhängt, wie sein Nervengeist beschaffen ist. Neigt er sich mehr zur Seele über, so wird sich der Mensch fast jedes Traumes genau erinnern; neigt er sich aber mehr dem Fleisch zu und schläft gewöhnlich mit demselben, wird er auch wenig oder gar keine Rückerinnerung an seine Träume haben, was gewöhnlich bei jenen Menschen der Fall ist, die sehr sinnlich und grobmateriell sind.[14]
Erster Grad
Im ersten Schaugrad sieht die Seele in einem Traum keine objektive, sondern nur eine leidende, subjektive und zusammenhangslose Realität. Sie beschaut nur in der materiellen Weise ihr eigenes Weltkonglomerat und ist dabei zum Teil tätig und zum Teil leidend.[15]
Zweiter Grad
Im anbrechenden zweiten und höheren Grad ist die Seele von ihrem pur Materiellen schon mehr isoliert. Sie tritt gewisserart aus ihrem Fleisch, setzt sich durch ihren Außenlebensäther mit der Außenwelt in eine volle Verbindung und sieht und fühlt da Fernes und Wahreres aus den auf sie einwirkenden Lebens- und Sachverhältnissen auf der Erde (Hellsicht). Da dieser Schaugrad höher ist als der gewöhnliche erste Grad, geschieht es sehr oft, daß die Seele beim Erwachen von dem Gesehenen und Vernommenen nichts mehr weiß, da das Gehirn dies sozusagen nicht aufgezeichnet hat (Anm.: Die Seele hat für sich kein Gedächtnis). Manche Menschen haben jedoch die Fähigkeit, auch das im höheren Schaugrad Erfahrene ins Gehirn zu zeichnen.[16]
Der vollkommene zweite Schau- und Fühlgrad der Seele tritt im Leibesleben wie auch im Traum dann ein, wenn der Geist in der Seele tätig wird. In diesem Zustand ist das Schauen und Fühlen der Seele kein dumpfes Ahnen mehr, sondern ein helles und klares Bewußtwerden aller Lebensverhältnisse, und wie dieselben sich zum eigenen Leben verhalten. Der Mensch erkennt sich und Gott und kann auch die Geister oder respektive Seelen der Verstorbenen, als auch der noch im Fleisch lebenden Menschen schauen und beurteilen. Die Träume eines solchen Menschen sind keine unrealen materiellen Träume mehr, sondern geistig reine und wahre und es gibt nur mehr wenig Unterschied zwischen dem Hellsehen im wachen und im schlafenden Zustand.[17]
Manche fromme Menschen leben und handeln beinahe täglich zur Stärkung der Seele im Schlaf in der Geisterwelt. Wenn sie wach werden, dann wissen sie nichts davon; nur ein gewisses tröstlich-stärkendes Gefühl bemerken sie in sich, und es kommt manchem vor, als hätte er angenehme Dinge gehört und gesehen.[18]
Dritter Grad
Menschen, die sich gleich den Propheten schon im Übergang in den dritten und somit höchsten und hellsten Schau- und Gefühlsgrad befinden, weil ihr Geist sich schon völliger mit der Seele zu einen angefangen hat, bringen das in der auch schon höheren Geisterwelt Geschaute und Vernommene in den wachen Zustand zurück und können es ihren Nebenmenschen wieder verkünden. Dies ist der Zustand der meisten kleinen Propheten.[19]
Im vollkommenen höchsten Schau- und Lebensgrad der Seele sieht und vernimmt die Seele alles, was in der ganzen Schöpfung ist und irgend besteht. Sie sieht den Himmel offen und kann mit aller Geisterwelt in den lichtesten und lebendigsten Verkehr treten. Was sie sieht, hört und fühlt, kann nicht mehr aus ihrer hellsten Erinnerung entschwinden, denn ihr Schau- und Fühlkreis ist ein allumfassender, ewig bleibender und alles durchdringender. Dies ist der Zustand der großen Propheten und auch der aller vollendeten Geister im Himmel.[20]
Von Geistern bewirkte Visionen
Gewisse helle Träume, die dem Träumenden so real erscheinen, daß er beim Erwachen kaum erkennt, ob es ein Traum war oder Wirklichkeit, gehören nicht der Seele an (siehe gewöhnliche Träume oben), sondern den sie umgebenden Geistern guter oder böser Art. Visionen können entweder vom Himmel oder von der Hölle herrühren und kommen bei guten und bei schlechten Menschen vor. Sind die Visionen von Geistern böser Art, erwacht die Seele mitsamt ihrem Leib wie ganz erschöpft; sind sie von Geistern guter Art, befinden sich Seele und Leib in einem gestärkten Zustand.[21][22] Beide Arten dieser Visionen werden nur zum Nutzen, nicht zum Schaden der Seele zugelassen: Die schlechten sind Warnung, die guten sind Stärkung.[23]Diese Visionen sind deswegen so lebhaft, weil die sie bewirkenden Geister zuerst den Nervengeist von seiner materiellen Dienstleistung ablösen und ihn mit der Seele verbinden. In diesem Zustand hat die Seele das Gefühl der Natürlichkeit und ist daher kräftiger, die kräftigeren und bedeutungsvolleren Bilder in sich aufzunehmen und zu behalten. Sie haben einen gewissen Zusammenhang und und eine gewisse Ordnung, weil der Seele von den sie umgebenden Geistern schon ein mehr reiner Wein eingeschenkt wird. Das Schauen der Somnambulen und das Schauen in der sogenannten Schwefeläther-Narkose gehört zu dieser Art von inneren Visionen.[24]
In solchen Visionen werden der Seele von den Geistern nicht selten zukünftige Ereignisse vorgeführt, was für die Geister nichts Schweres ist, weil sie einerseits die Ordnung der Dinge kennen, in welcher sie unabänderlich aufeinander folgen müssen, und anderseits weil sie selbst die Darsteller dieser Ordnung sind. Sie sind vergleichbar einem Hausherrn, der natürlicherweise besser weiß als der Mieter, was mit dem Haus alles geschehen wird und was er damit tun wird.[25]
Solche Visionen sollte man beachten, sie aber nicht für ein unwandelbares Schicksal halten, wie einst die Heiden. Man braucht nicht davor zu erschrecken, denn die Willensfreiheit wird nicht beeinträchtigt, und wenn sie böse sind, können sie geändert werden. Will jemand ernstlich etwas anderes, als was ihm die Geister gezeigt haben, so braucht er sich nur an Gott wenden, und die Sache wird anders, wenn derjenige glaubt und vertraut, d.h. der Vision nicht mehr Macht zumutet als Gott, denn Gott allein kann alle Dinge in jedem Augenblick verändern. Dies ist sogar möglich, wenn Gott Selbst eine Vorhersage macht. Sogar Gott wird einhalten, wenn man Ihn in Liebe und Vertrauen darum bittet.[26]
Abergläubische Visionen
siehe Aberglauben
Vielfalt
An der Form oder dem Erscheinlichen der Geisterwelt liegt im Grunde nichts, wenn nur alle diese endlos verschiedenen Formen und Erscheinungen eine und dieselbe Wahrheit und einen und denselben Zweck zum Grund haben.[27][28] Obwohl jeder Apfelbaum individuell verschieden ist und daher verschieden erscheint und beschrieben wird, sind es dennoch alles (im Geiste der Wahrheit) Apfelbäume und nicht verschiedene Bäume. Daher soll sich niemand in einer Erscheinlichkeit begründen, wenn es um geistige Dinge geht. Wer die Sache im Geiste der Wahrheit nimmt, wird unter jeder Form die Wahrheit finden, den Weg und das Leben.[29]
Funktionsweise
In der natürlichen Welt ruft der von außen kommende Strahl das im Beobachter ruhende Ebenbild hervor und er schaut durch die Wirkung der Gegenkraft und der Kraft in sich den betrachteten Gegenstand. Das geistige oder visionäre Sehen funktioniert genau umgekehrt, d.h. der Betrachter findet ein Abbild aus sich und dieses findet seinen Gegensatz, wenn es in sich fest hervorgerufen wird. Je mehr man den in sich gefaßten Gegenstand festhält, desto mehr strebt dieser seinem ewig gestellten Gegensatz an, entwickelt ihn zunehmend und macht ihn stets beschaulicher. Dies ist kein Werk einer leeren Phantasie, sondern die volle Wirklichkeit, nur ist sie noch unbekannt in ihrem Grund, woher sie ist und wo sie ruht. Dies läßt sich in Erfahrung bringen, denn wo die Wirklichkeit ruht, da auch ihr Name, ihre Ordnung, ihr Wirkungskreis und ihr Standort. Aus den Früchten erkennt man den Baum und so kommt man auf die Wirklichkeit dessen, was sich vor der geistigen Sehe entwickelt hat. Indem man das Gesehene immer genauer betrachtet, wird es zur eigenen Grundlage und man kann auf dieser tätig werden. Wenn man es in dieser Tätigkeit so weit gebracht hat, daß darin der mächtige Zug der Liebe Gottes verspürt wird, so wird sich die Unterlage in allen ihren Teilen in selbst lebendige Formen auflösen nach der Art, wie sie im Beobachter abbildlich vorhanden sind. Diese Formen werden dann rückwirkend die im Beobachter zugrunde liegenden belebend hervorrufen und selbst kundtun, wer und wo die Grundlage des Betrachters ist. Alles Erkennen ist eine Folge des vorhergehenden Erschauens, das Erschauen eine Folge des Strahlens und Gegenstrahlens oder die Folge der Kraft im Betrachter und der Gegenkraft außerhalb von ihm. (Johannes)[30]
Siehe auch
Quellenverweise
- ↑ Jakob Lorber, Die Erde 70.27
- ↑ Jakob Lorber, Die Erde 67.3
- ↑ Jakob Lorber, Das Großes Evangelium Johannes 1.37.8
- ↑ Lorber, Himmelsgaben 2.31.1
- ↑ Lorber, Himmelsgaben 2.31.3
- ↑ Jakob Lorber, Die Erde 67.6
- ↑ Jakob Lorber, Die Erde 67.7
- ↑ Lorber, Himmelsgaben 2.32.4
- ↑ Jakob Lorber, Das Großes Evangelium Johannes 1.37.10-11
- ↑ Jakob Lorber, Das Großes Evangelium Johannes 8.18.8
- ↑ Jakob Lorber, Das Großes Evangelium Johannes 8.135.3-4
- ↑ Jakob Lorber, Die Erde 67.8
- ↑ Jakob Lorber, Die Erde 67.9
- ↑ Jakob Lorber, Die Erde 67.10
- ↑ Jakob Lorber, Das Großes Evangelium Johannes 8.135.5
- ↑ Jakob Lorber, Das Großes Evangelium Johannes 8.135.6-8
- ↑ Jakob Lorber, Das Großes Evangelium Johannes 8.136.1-3
- ↑ Jakob Lorber, Das Großes Evangelium Johannes 8.136.6
- ↑ Jakob Lorber, Das Großes Evangelium Johannes 8.136.7
- ↑ Jakob Lorber, Das Großes Evangelium Johannes 8.136.13-14
- ↑ Jakob Lorber, Die Erde 67.3
- ↑ Jakob Lorber, Die Erde 67.11
- ↑ Jakob Lorber, Die Erde 67.12
- ↑ Jakob Lorber, Die Erde 67.13-14
- ↑ Jakob Lorber, Die Erde 67.15-16
- ↑ Jakob Lorber, Die Erde 67.17-19
- ↑ Jakob Lorber, Die geistige Sonne 2.123.8
- ↑ Jakob Lorber, Die geistige Sonne 2.124.3
- ↑ Jakob Lorber, Die geistige Sonne 2.124.17-18
- ↑ Jakob Lorber, Die geistige Sonne 2.11.22-27