Pontius Pilatus

Pontius Pilatus war ein in Jerusalem residierender Römer und unter Tiberius Landpfleger des Judenlandes.[1]
Charakter
Der römische Hauptmann Julius bezeichnete Pontius Pilatus als einen saumseligen, höchst weibischen und schwachen Landpfleger, der sehr froh war, wenn ihm die Menschen Frieden und Ruhe gönnten. Mit ihm sei nichts anzufangen; er sei ein Naturforscher, ein Busenfreund der Gelehrten von Pompeji und Herkulanum, der sich ums Regierungsgeschäft wenig kümmerte. Er ließ Herodes und die Templer nach ihrer Willkür schalten und walten, wenn sie nur ihren Tribut nach Rom pünktlich und richtig bezahlten.[2]
Geschichte
Die Verurteilung Jesu
Pilatus war ein Feind der überaus hochmütigen jüdischen Priesterschaft. Er betrachtet daher all jene Menschen mit geheimen Wohlgefallen, wenn diese es verstanden, der ihm bei Gelegenheiten über die Maßen verhassten jüdischen Priesterkaste bei Gelegenheit die Wahrheit so recht derb ins Angesicht zu schleudern. Wenn die Priesterschaft deswegen bei ihm ihr Recht suchte, richtete sie gewöhnlich wenig oder gar nichts aus. Daher lebten auch Pilatus und Herodes fast in ständiger feindschaftlicher Spannung miteinander, denn die hohe Priesterschaft stand mit Herodes stets auf bestem Fuß und sparte daher auch nie, Pilatus bei Herodes zu verdächtigen.[3]
Die hohe Priesterschaft hielt oft Rat, wie sie Jesus aufgreifen und effektvoll dem römischen Gericht überliefern sollte. Aber sie konnten nie zu einem triftigen Grund kommen. Als Jesus dann den bekannten Einzug hielt, bald darauf die Krämer aus dem Tempel trieb und Lazarus erweckte, und als das Volk anfing, Ihm Hosianna zu rufen, da beschloss die Priesterschaft, Ihn ernstlich zu greifen und dem Pilatus als Staatsrebellen vorzuführen. Würde Pilatus Ihn nicht richten, dann wollten sie ihn beim Kaiser selbst verdächtigen, wobei ihnen Herodes mit Freuden behilflich gewesen wäre. Pilatus blieb dieser Plan nicht geheim, nur wusste er nicht, wie er ihm vorbauen solle; daher beschloss er bei sich, diese Sache abzuwarten. Aber während er noch mit sich selbst kalkulierte, da kam die Priesterschaft schon mit dem Gefangenen und verlangte unverzügliches Gericht.[4]

Pilatus, ganz wie aus den Wolken gefallen, fragte mit einer Donnerstimme: "Was hat dieser Gerechte, an dem ich keine Schuld finde, verbrochen?" Aber die Priesterschaft und ihr bezahlter Anhang schrie noch zehnmal ärger: "Dieser ist ein Volksverführer, ein Aufwiegler, ein Sabbatschänder, ein Gotteslästerer und gibt sich für den Sohn des lebendigen Gottes aus! – Das alles ist nach unseren Gesetzen, die Rom respektiert, und auch nach des Kaisers Gesetzen des Todes im höchsten Grade wert; daher richte ihn, lasse ihn kreuzigen, oder du bist des Kaisers Feind!" Pilatus wusste nicht, was er da tun sollte und überlegte sich, zu dem bösen Spiel eine gute Miene zu machen und im Namen des unergründlichen Schicksals dem zu willfahren, was die Priesterschaft verlangte.[5]
Da ließ ihn seine Frau Tullia Innocentia rufen und meldete ihm insgeheim, wie sie mit klaren Augen gesehen hatte, dass dieser Jesus auf den Wolken der Himmel daherschwebte, begleitet von zahllosen Myriaden der herrlichsten Genien, – alle schrien mit Donnerstimme: "Heil unserem großen Gott; Heil dem ewigen allmächtigen Überwinder des Todes und der Hölle! Wehe aber dir, Jerusalem; wehe euch, die ihr darinnen wohnet, euer Los wird sein der ewige Tod, die ewige Vernichtung, darum ihr Jesus nicht erkennt und Ihn richtet und Ihn kreuzigt! Dem allein Gerechten aller Gerechtigkeit sei ewig Ehre, Ruhm und alles Heil!" Darauf blickte dieser Jesus nach der Erde herab, und der ganze Erdkreis erbrannte, und es war alles ein Feuer, und alles, was da atmet, wurde von diesem Feuer verzehrt. Tullia riet Pilatus, dass er nichts mit diesem Gerechten zu schaffen habe.[6]
Diese Erzählung machte auf Pilatus, der als Römer große Stücke auf derlei Erscheinungen hielt, großen Eindruck, weswegen er bei sich fest beschloss, mit Jesus nichts weiteres mehr vorzunehmen, als Ihn dem Gericht des Herodes anheimzustellen. Herodes aber roch hier den Braten und wusste wohl, dass ihm alles Volk wegen Johannes dem Täufer, den er enthaupten hatte lassen, aufsässig war. Würde er nun auch Christus töten, so würde ihn das Volk zerreißen. Daher sandte er Jesus, den viele für Christus hielten, fein wieder zu Pilatus zurück.[7]
Pilatus versuchte nun alle Mittel, Jesus frei zu machen; aber es war alles vergebliche Mühe, bis er endlich in höchster Entrüstung sich öffentlich die Hände wusch und sprach: "Ich will keine Schuld haben am Blute dieses Gerechten! – Ihr aber habt selbst ein Gesetz; nehmt ihn und richtet ihn!" Da schrien dann die hohen Priester: "Sein Blut komme über uns und unsere Kinder! – Wir aber dürfen unsere Hände nicht mit Blut besudeln; daher gib uns römische Soldaten!"[8]
Pilatus gedachte da der alten Sitte, laut der er dem jüdischen Volk zu seinem Paschafest einen Verbrecher freigeben musste. Er wandte sich daher noch einmal zu der Menge der Jesus-Feinde und bekannte, wie er an Jesu zufolge so kurzer Untersuchung durchaus keine Schuld finden könne, dass es daher nötig sei, um ein richtiges und völlig gerechtes Urteil zu schöpfen, diesen Menschen länger zu verhören und in allen Stücken zu untersuchen. Zugleich aber sei es ohnehin Sitte, am Fest einen Verbrecher dem Volk freizugeben. Nun stelle er ihnen Jesus, dessen Schuld noch nicht erwiesen sei, und Barabbas, den berüchtigten Raubmörder, zur freien Wahl. Sie alle aber schrien: "Barabbas!" Das aber wusste und wünschte Pilatus wohl, dass diese aufgereizte Priestermenge nicht Jesus freirufen werde, denn nur dadurch glaubte er Ihn frei zu machen, dass, so sie Barabbas frei haben werden, dann an seiner Stelle Jesus ins Gefängnis kommen werde, und so könnte dadurch dann allem mit der Zeit geholfen sein, da dann erstens den Priestern das Maul gestopft, und zweitens er denselben beim römischen Hof vorbauen konnte.[9]
Gedanke und der Wille des Landpflegers waren gut; aber als der ganze Haufen nach der Freilassung des Barabbas nur um so hartnäckiger auf der Kreuzigung bestand und von der Einkerkerung Jesu nichts hören wollte und Pilatus einen Feigling nannte, da war er im höchsten Grad entrüstet und sprach: "Da – ihr Elenden! – nehmt euren Verbrecher, der gerechter ist, als ihr es seid, und da sind die Schergen! Zieht ab, macht mit Ihm, was ihr wollt; mein Zeugnis über Ihn und über euch wird von mir eigenhändig folgen!" Mit diesen Worten entfernte er sich und überließ ihnen Jesus, den die hohe Priesterschaft dann durch die Schergen ergreifen und kreuzigen ließ.[10]
Der alleinige Herr der Unendlichkeit nahm das Gericht des Pilatus an und widersetzte Sich nicht demselben.[11]
Späteres Leben
Schon nach der Kreuzigung hörte Pilatus auf die Freunde Jesu und tat, was sie von ihm verlangten. Er und seine Frau wurden später heimlich selbst Christen. Pilatus trug durch seine genaue Beschreibung des verdächtigen jüdischen Priestertums sehr viel dazu bei, dass nach etwa dreißig Jahren Jerusalem von den Römern gänzlich zerstört und die Juden in alle Welt zerstreut wurden.[12]
Cyrenius rächte die Verurteilung von Jesus zuerst an Pilatus, der aus Jerusalem verwiesen wurde und nicht einmal mehr völlig nach Rom zurückkehren durfte, sondern sich in der Nähe des heutigen Neapel niederlassen musste und zwar in einer Klause unweit von dem untergegangenen Pompeji, wo man noch heutzutage (zumindest bis ins 19. Jahrhundert) einen in Felsen gehauenen Gang mit der Aufschrift "Behausung des Pontius Pilatus" aufgefunden hat und in einer ziemlich tiefen in den Felsen eingehauenen Nische, die man vermauert antraf, mehrere Schriften, die auf Jesus Bezug hatten und sich gegenwärtig in einer Bibliothek von Neapel befinden, aber kaum brauchbar sind, da in einem halbverkohlten Zustand.[13]
Falsche Vorstellungen
Viele verdammen in einem fort den armen Pilatus. Dabei aber hat alles nach dem ewigen Beschluss des Herrn geschehen müssen, was er auch den zwei nach Emmaus wandelnden Jüngern ganz offen gesagt hatte, um ihnen zu zeigen, was Gott wollte, darum sie ihren unbegrenzten Hass gegen die Priester mäßigen sollten. Gott braucht sich nicht von dem armseligsten schwachen Menschen aus irgendeiner Gefahr retten lassen. Wie hätte es Pilatus zuwege bringen können, Den zu retten, der dem Meer und den Winden gebot, dem alleinigen ewigen Retter aller Menschen und Geister? Die Schrift musste erfüllt werden, und so war am Kreuz allen, die nicht wussten, was sie taten, vergeben. Daher soll man Pilatus nicht richten.[14]
Quellenverweise
- ↑ Jakob Lorber, Himmelsgaben 3.470628.2
- ↑ Jakob Lorber, Das Große Evangelium Johannes 2.121.6; Jakob Lorber, Das Große Evangelium Johannes 2.163.7; Jakob Lorber, Das Große Evangelium Johannes 2.192.13
- ↑ Jakob Lorber, Himmelsgaben 3.470628.3
- ↑ Jakob Lorber, Himmelsgaben 3.470628.4-6
- ↑ Jakob Lorber, Himmelsgaben 3.470628.6-7
- ↑ Jakob Lorber, Himmelsgaben 3.470628.8
- ↑ Jakob Lorber, Himmelsgaben 3.470628.9
- ↑ Jakob Lorber, Himmelsgaben 3.470628.10
- ↑ Jakob Lorber, Himmelsgaben 3.470628.11-12
- ↑ Jakob Lorber, Himmelsgaben 3.470628.13-14
- ↑ Jakob Lorber, Himmelsgaben 3.481117.8
- ↑ Jakob Lorber, Himmelsgaben 3.470628.15
- ↑ Jakob Lorber, Himmelsgaben 3.640401c.10-11
- ↑ Jakob Lorber, Himmelsgaben 3.470628.16-18